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Strangler Fig Pattern vs. Big Bang Rewrite: Architekturentscheidungen im Vergleich

  • Writer: Chudovo DACH
    Chudovo DACH
  • Apr 28
  • 5 min read
Strangler Fig Pattern vs. Big Bang Rewrite: Architekturentscheidungen im Vergleich
Strangler Fig Pattern vs. Big Bang Rewrite: Architekturentscheidungen im Vergleich

Die Modernisierung von Legacy-Systemen gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Softwarearchitektur. Unternehmen stehen dabei häufig vor einer grundlegenden Entscheidung: Soll das bestehende System schrittweise ersetzt werden oder ist ein kompletter Neustart die bessere Option? Zwei der bekanntesten Ansätze sind das Strangler Fig Pattern und der sogenannte Big Bang Rewrite.


Beide Strategien verfolgen das Ziel, veraltete Systeme durch moderne Architekturen zu ersetzen, unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihrer Herangehensweise, ihrem Risiko und ihren Auswirkungen auf das Geschäft. Die Wahl zwischen diesen Ansätzen ist selten trivial und hängt von einer Vielzahl technischer und organisatorischer Faktoren ab.


In diesem Artikel vergleichen wir das Strangler Fig Pattern und den Big Bang Rewrite im Detail, beleuchten ihre Vor- und Nachteile und zeigen, in welchen Szenarien welcher Ansatz sinnvoll ist.


Das Strangler Fig Pattern: Evolution statt Revolution

Das Strangler Fig Pattern ist ein evolutionärer Ansatz zur Systemmodernisierung. Der Name stammt von einer tropischen Pflanze, die um einen Baum herum wächst und ihn nach und nach ersetzt. Übertragen auf die Softwareentwicklung bedeutet dies, dass neue Funktionalitäten schrittweise um ein bestehendes System herum aufgebaut werden, bis das alte System vollständig ersetzt ist.


In der Praxis wird das Legacy-System dabei nicht auf einmal abgeschaltet, sondern bleibt zunächst bestehen. Neue Features werden in einer modernen Architektur implementiert, während bestehende Funktionen nach und nach migriert werden. Eine zentrale Rolle spielen dabei Schnittstellen und APIs, die den Übergang zwischen Alt- und Neusystem ermöglichen.


Ein wesentlicher Vorteil dieses Ansatzes ist die Risikominimierung. Da Änderungen inkrementell erfolgen, können Probleme frühzeitig erkannt und behoben werden. Zudem bleibt das System während der gesamten Migration funktionsfähig, was insbesondere für geschäftskritische Anwendungen entscheidend ist.


Auch organisatorisch bietet das Strangler Fig Pattern Vorteile. Teams können schrittweise neue Technologien einführen und ihre Arbeitsweise anpassen, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden. Dies erleichtert die Transformation hin zu modernen Entwicklungspraktiken wie Microservices oder Cloud-native Architekturen.


Allerdings ist dieser Ansatz nicht ohne Herausforderungen. Die Koexistenz von Alt- und Neusystem kann zu zusätzlicher Komplexität führen. Schnittstellen müssen sorgfältig geplant und gewartet werden. Zudem besteht die Gefahr, dass die Migration ins Stocken gerät und das Legacy-System länger als geplant bestehen bleibt.


Viele Unternehmen für Legacy-Migration setzen auf diesen Ansatz, da er eine kontrollierte Transformation ermöglicht und gleichzeitig das Risiko von Ausfällen minimiert.


Der Big Bang Rewrite: Der radikale Neustart

Im Gegensatz dazu steht der Big Bang Rewrite, ein Ansatz, bei dem das bestehende System vollständig ersetzt wird. Dabei wird eine neue Anwendung von Grund auf neu entwickelt, während das alte System unverändert weiterläuft – bis zu dem Zeitpunkt, an dem die neue Lösung vollständig einsatzbereit ist und das alte System abgeschaltet wird.

Dieser Ansatz verspricht auf den ersten Blick zahlreiche Vorteile. Entwickler haben die Möglichkeit, moderne Technologien zu nutzen, saubere Architekturen zu entwerfen und technische Schulden vollständig zu eliminieren. Es gibt keine Altlasten, keine Kompromisse und keine Notwendigkeit, bestehende Strukturen zu berücksichtigen.


Doch genau diese Vorteile machen den Big Bang Rewrite auch riskant. Die Entwicklung eines kompletten Systems ist zeitaufwendig und komplex. Anforderungen ändern sich während der Entwicklungsphase, und es besteht die Gefahr, dass das Projekt aus dem Ruder läuft.


Ein weiteres Risiko ist der sogenannte „Cutover“-Moment – der Zeitpunkt, an dem das alte System durch das neue ersetzt wird. Wenn in diesem Moment Probleme auftreten, kann dies erhebliche Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb haben.


Zudem fehlt während der Entwicklungsphase oft das direkte Feedback aus der Produktion. Im Gegensatz zum inkrementellen Ansatz werden Probleme häufig erst spät erkannt, was die Behebung erschwert und zusätzliche Kosten verursacht.


Der Big Bang Rewrite kann dennoch sinnvoll sein, insbesondere wenn das bestehende System nicht mehr wartbar ist oder grundlegende Änderungen erforderlich sind, die sich nicht schrittweise umsetzen lassen.


Vergleich der Ansätze: Risiken, Kosten und Geschwindigkeit

Die Entscheidung zwischen Strangler Fig Pattern und Big Bang Rewrite hängt maßgeblich von drei Faktoren ab: Risiko, Kosten und Geschwindigkeit.


Beim Strangler Fig Pattern ist das Risiko in der Regel geringer, da Änderungen schrittweise erfolgen. Fehler können isoliert betrachtet und behoben werden, ohne das gesamte System zu gefährden. Beim Big Bang Rewrite hingegen ist das Risiko konzentriert – insbesondere beim finalen Übergang.


In Bezug auf die Kosten ergibt sich ein differenziertes Bild. Der Big Bang Rewrite erfordert oft hohe Anfangsinvestitionen, da ein komplettes System neu entwickelt werden muss. Gleichzeitig können jedoch langfristig Einsparungen entstehen, da eine moderne Architektur effizienter betrieben werden kann.


Das Strangler Fig Pattern verteilt die Kosten über einen längeren Zeitraum. Dies kann finanziell attraktiver sein, führt jedoch möglicherweise zu höheren Gesamtkosten, da zwei Systeme parallel betrieben werden müssen.


Auch die Geschwindigkeit unterscheidet sich deutlich. Während ein Big Bang Rewrite theoretisch schneller zu einem vollständig modernisierten System führen kann, ist dies in der Praxis selten der Fall. Verzögerungen sind häufig, und Projekte dauern oft länger als geplant.


Das Strangler Fig Pattern ermöglicht hingegen schnelle Erfolge („Quick Wins“), da einzelne Komponenten relativ schnell modernisiert werden können. Dies kann die Motivation der Teams steigern und frühzeitig Mehrwert liefern.


Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist die strategische Einordnung verschiedener Modernisierungsansätze. Die Diskussion um Rewrite vs Refactor vs Replatform zeigt, dass es selten nur eine richtige Lösung gibt. Vielmehr müssen Unternehmen die für ihre Situation passende Kombination aus Ansätzen wählen.


Wann welcher Ansatz sinnvoll ist

Die Wahl zwischen Strangler Fig Pattern und Big Bang Rewrite hängt stark vom Kontext ab. Es gibt keine universelle Lösung, die für alle Unternehmen und Projekte gleichermaßen geeignet ist.


Das Strangler Fig Pattern ist besonders geeignet für Systeme, die weiterhin stabil laufen und schrittweise modernisiert werden können. Es ist ideal für Organisationen, die Risiken minimieren und gleichzeitig kontinuierlich Mehrwert liefern möchten.

Auch bei komplexen Systemen mit vielen Abhängigkeiten bietet dieser Ansatz Vorteile. Durch die schrittweise Migration können Abhängigkeiten besser verstanden und gezielt aufgelöst werden.


Der Big Bang Rewrite hingegen kann sinnvoll sein, wenn das bestehende System nicht mehr wartbar ist oder grundlegende Anforderungen nicht erfüllt. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn Technologien vollständig veraltet sind oder die Architektur keine Erweiterungen mehr zulässt.


Auch bei kleineren Systemen kann ein kompletter Neustart effizienter sein, da der Aufwand für eine schrittweise Migration möglicherweise unverhältnismäßig hoch wäre.


Ein weiterer Faktor ist die Unternehmenskultur. Organisationen mit hoher Risikobereitschaft und starken Entwicklungsteams können eher einen Big Bang Rewrite in Betracht ziehen, während konservativere Unternehmen oft den evolutionären Ansatz bevorzugen.


Fazit

Die Entscheidung zwischen Strangler Fig Pattern und Big Bang Rewrite ist eine der zentralen Fragen bei der Modernisierung von Legacy-Systemen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und bieten spezifische Vor- und Nachteile.


Das Strangler Fig Pattern überzeugt durch seine Flexibilität und Risikominimierung. Es ermöglicht eine schrittweise Transformation und ist besonders geeignet für geschäftskritische Systeme, die kontinuierlich verfügbar sein müssen.


Der Big Bang Rewrite hingegen bietet die Chance auf einen klaren Neuanfang und die vollständige Beseitigung technischer Schulden. Gleichzeitig ist er mit höheren Risiken und Unsicherheiten verbunden.


Letztlich hängt die richtige Wahl von den individuellen Anforderungen, den vorhandenen Ressourcen und der strategischen Ausrichtung des Unternehmens ab. In vielen Fällen kann auch eine Kombination beider Ansätze sinnvoll sein.


Unternehmen, die diese Entscheidung bewusst und fundiert treffen, schaffen die Grundlage für eine erfolgreiche Modernisierung und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.


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